Neotropical Region


Die Neotropische Region fasst man gemeinsam mit der Nearktis auch unter dem Begriff „Neue Welt“ zusammen, doch sind beide Regionen deutlich voneinander differenziert. Die Neotropis umfasst den gesamten Südamerikanischen Kontinent ausgenommen Südchile und Patagonien, die auch als Andine Region bezeichnet werden (MORRONE, 2006), und reicht nördlich über Mittelamerika bis Nord-Mexiko und beinhaltet überdies die gesamten Antilleninseln (Karibik) sowie den äußersten Süden Floridas und die Florida Keys. Sie beinhaltet somit alle tropischen Gebiete der Neuen Welt und weist deutliche Beziehungen zur Fauna der Alten Welt (Afrikanis, Orientalis und Australis) auf (MORRONE, 2006). Die zentralen Gebirgsketten Zentralmexikos stellen eine Transitionszone zwischen den Faunen der Nearktis und Neotropis dar. Ähnlich verhält es sich mit den hochmontanen Gebieten der Andenkette von Venezuela, über Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien bis Nordchile und Argentinien, die auch als Südamerikanische Transitionszone bezeichnet wird (MORRONE, 2006). Die übrigen Gebiete Südamerikas unterteilt MORRONE (2006) in drei Subregionen: Amazonas, Chacoa und Parana. Eine sehr gut abgegrenzte Subregion innerhalb der Neotropis stellt die Karibik dar, die zwar deutliche Einflüsse vom Südamerikanischen Kontinent und auch Mittelamerika aufweist, aber eine sehr eigenständige Fauna mit einer großen Anzahl endemischer Arten und Gattungen besitzt.
Aufgrund der enormen Nord-Süd-Erstreckung der Neotropis und der starken vertikalen Gliederung, vom Amazonastiefland bis in die eisigen, über 6000 m hohen Andenketten, trifft man hier auf eine äußerst vielgestaltige und reiche Phasmidenfauna mit über 1000 bisher bekannten Arten. Besonders die Anden und die Andenvorländer im Osten stellen unter Zoologen so genannte „Hot Spots“ dar, deren Biodiversität (= Organismenviefalt) wohl jede andere Region der Welt in den Schatten stellt. Die Phasmidenfauna der Neotropis ist aber bisher erst schlecht erforscht und so ist mit Gewissheit bis zum heutigen Zeitpunkt erst ein kleiner Teil der tatsächlich existierenden Formenvielfalt bekannt geworden.

 

 

Als Mittelamerika bezeichnet man die tropischen Regionen von Mexiko inklusive der Halbinsel Yucatan, die Staaten Guatemala, Belize, Hunduras, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica und Panama, sowie die ganz nördlichen Regionen Kolumbiens. Diese sind durch die zentralamerikanische Kordillere mit maximalen Höhen von annähernd 4000m gekennzeichnet, deren nördliche Ausläufer in Zentral-Mexiko eine Transitionszone zwischen der Fauna der Nearktis und der Neotropis darstellen (vgl. MORRONE, 2006). Die von dieser zentralen Hochgebirgskette westwärts an der Pazifikküste gelegenen Gebiete sind trockener und von Savannen bestimmt, während die Kordillera selbst und die östliche Seite durchweg feuchttropisch sind. Die sehr reiche und vielfältige Phasmidenfauna Mittelamerikas (> 200 bekannte Arten) zeigt ganz deutliche Einflüsse vom südamerikanischen Kontinent und hat viele Gattungen mit der Amazonas Subregion gemeinsam, nämlich: Brizoides, Calynda, Damasippus, Dinelytron, Eucles, Isagoras, Holca Metriophasma, Parastratocles, Phanocles, Planudes, Prisopus, Pseudophasma, Pterinoxylus, Stratocles und Trychopeplus. Auf Mittelamerika beschränkt sind die Gattungen Agrostia, Alienobostra, Anthericonia, Apteroplopus, Autolyca, Calynda, Ceroys, Chlorophasma, Hypocyrtus, Oncotophasma, Paracalynda, Paranisomorpha, Phanocles, Rhynchacris und Xylospinodes. Im Norden Kolumbiens kommen überdies Decidia, Euphasma, Holcoides, Olcyphides und Tenerella vor.

Die fast durchweg tropische Amazonas Subregion reicht vom südlichen Venezuela und den drei Guyana-Staaten Guayana, Surinam und Französisch Guayana im Norden über das gesamte Amazonasbecken, Brasilien, Bolivien und Paraguay bis zu den nördlichsten Gebieten Argentiniens. Des Weiteren zählen zur Amazonas Subregion die östlichen Andenabhänge in Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien bis zu einer Höhe von etwa 2500m. Diese große Subregion besitzt eine äußerst reiche und vielfältige Phasmidenfauna mit einer großen Anzahl recht eigentümlicher Formen, und unterteilt sich wiederum in eine Vielzahl mehr oder weniger deutlich voneinander abgegrenzte zoogeographische Provinzen (vgl. MORRONE, 2006). Die höchste Biodiversität und Artendichte findet sich an den östlichen Andenabhängen und dem Andenvorland in Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien. Auf diese Gebiete beschränkt sind die Gattungen Acanthoclonia, Aplopocranidium, Jeremia, Oreophoetes, Peruphasma, Spinopeplus und Trychopeplus. Ausschließlich nördlich des Amazonas verbreitet sind Brizoides, Citrina, Cranidium, Eucles, Euphasma, Holca, Ignacia, Libethra, Libethroidea, Litosermyle, Melophasma, Oestrophora, Olcyphides, Olinta, Paraprisopus, Parocnophila, Periphloea, Planudes, Pterinoxylus, Pterolibethra und Tithonophasma.  Canuleius, Ceroys, Cladomorphus, Cladoxerus, Globocalynda, Hirtuleius, Miroceroys, Otocrania, Otocraniella, Paraleptynia, Pteranisomorpha, Pygirhynchus, Steleoxiphus und Xiphophasma sind auf die Gebiete südlich des Amazonas beschränkt, namentlich Brasilien, Paraguay, Bolivien und Nord-Argentinien. Die folgenden Gattungen sind über weite Gebiete der Amazonas Subregion verbreitet: Agrostia, Anisa, Bostra, Creoxylus, Damasippus, Dinelytron, Donusa, Dyme, Exocnophila, Isagoras, Jeremiodes, Lobolibethra, Metriophasma, Neophasma, Ocnophila, Ocnophiloidea, Paraphasma, Parastratocles, Perliodes, Phantasca, Prexaspes, Prisopus, Pseudophasma, Rugosolibethra, Stratocles und Xerosoma.

Unter der Südamerikanischen Transitionszone (= Andine Zone) fasst man die hochmontanen Andenregionen in Südvenezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und Argentinien über 2500m zusammen (vgl. MORRONE, 2006). Das Gebiet bietet durch seine Vielzahl geographischer Nischen beste Voraussetzungen für die Entstehung neuer Arten und Unterarten und weist daher einen großen Reichtum an endemischen Arten auf. Die Biodiversität (= Organismenvielfalt) der Andenregionen in Kolumbien und Ecuador übersteigt die sämtlicher anderer Regionen der Welt und so wurden z. B. an nur einem Berghang in Ecuador innerhalb eines einzigen Monats 1200 verschiedene Lepidopteren-Arten festgestellt (Schmetterlinge). Des Weiteren kommen 80% aller bekannten Orchideenarten in dem nur knapp 300.000 qkm großen Land and der Westküste Südamerikas vor.
Ausschließlich auf diese Region beschränkt und sehr charakteristisch sind die stark angepassten Gattungen Acanthoclonia, Atratomorpha, Columbiophasma, Mirophasma, Monticomorpha, Pachyphloea, Parobrimus, Setosa und Xera, die allesamt durch ihre geringe Größe und sehr gedrungenen Körperbau auffallen. Funde bestätigen eine vertikale Verbreitung von Acanthoclonia und Monticomorpha in Höhen bis zu 5000m, was das höchste bekannte Vorkommen der Phasmatodea überhaupt darstellt. Überdies finden sich auch an diese montanen Habitate angepasste Vertreter die vorwiegend in den östlichen Andenabhängen der Amazonas Subregion verbreiteten Gattungen Libethra, Parocnophila, Peruphasma, Rugosolibethra und Spinopeplus. Die Gattung Peruphasma findet sich merkwürdigerweise auch mit einer Art vermutlich verschleppten Art (Peruphasma anakena) auf den 3800 Kilometer vom Südamerikanischen Kontinent entfernten Osterinseln.

Deutlich ärmer als die Fauna des übrigen Südamerika ist die Phasmidenfauna von Chile, die neben der hochandin verbreiteten Gattung Agathemera (Unterordnung Agathemeroda) nur Vertreter von Donusa, Heteronemia und Xeropsis als typische Formen aufzuweisen hat.

 Karte: Antillische Subregion (= Karibik)

 

Die Antillische Subregion (oder Karibische Subregion) stellt eine sehr deutlich differenzierte Subregion der Neotropis dar. Zwar zeigt die Phasmidenfauna der Antillen enge Beziehungen zur Fauna Süd- und Mittelamerikas, doch viele Gattungen und fast alle der bisher knapp 100 bekannten Arten sind endemisch. Aufgrund der Größe und des geologischen Alters werden die Antilleninseln in drei Gruppen unterteilt. Die Großen Antillen (Kuba, Jamaika, Hispaniola, Puerto Rico und St. Thomas) sind geologisch älter und zeigen vorwiegend Einflüsse durch die mittelamerikanische Fauna. Die Kleinen Antillen, die wichtigsten Inseln sind St. Croix, St. Bartholome, Antigua, Guadeloupe, Dominika, Martinique, St. Lucia, St. Vincent, Barbados und Grenada, sind geologisch jünger und vulkanischen Ursprungs. Ihre Phasmidenfauna zeigt im Gegensatz zu den Großen Antillen vorwiegend Einflüsse vom südamerikanischen Kontinent, was zum Beispiel durch die prinzipiell südamerikanischen Gattungen Paraprisopus und Pterinoxylus deutlich wird. Die Virgin Islands und Tortola stellen gewissermaßen eine Transitionszone zwischen der Fauna der Großen und der Kleinen Antillen dar, wofür beispielsweise die Verbreitung der Gattungen Agamemnon, Haplopus und Lamponius spricht. Eine dritte Gruppe stellen die Bahamas dar, eine Ansammlung kleiner, flacher und recht trockener Inseln nordöstlich von Kuba. Hierzu kann man faunistisch auch die Florida Keys, eine Kette kleiner Inseln an der Südspitze Floridas, zählen. Bisher ist die Phasmidenfauna besonders der Großen Antillen noch sehr lückenhaft bekannt und so sind in Zukunft noch Beschreibungen einer Vielzahl neuer Arten und auch Gattungen zu erwarten.
Die Fauna der Großen Antillen ist bei weitem reicher und vielgestaltiger als die der Kleinen Antillen oder gar der Bahamas. Die reichhaltigste Fauna besitzt Hispaniola mit derzeit etwa 25 Arten, der Reihe nach gefolgt von Kuba, Puerto Rico und Jamaika. Auf den Kleinen Antillen finden sich stets nur recht wenige, oft aber für die jeweilige Insel endemische Arten. Die größte Artenzahl besitzt Guadeloupe mit 10 Arten, gefolgt von Dominika (9 Arten), Martinique und St. Lucia (jeweils 5 Arten), St. Vincent (4 Arten) und Grenada (3 Arten). Auf den kleineren umliegenden Inseln kommt oftmals nur eine einzige Art vor (vgl. LANGLOIS et al., 2006). Die Fauna der Inseln Tobago und Trinidad, die nur wenige Kilometer von der Nordküste Südamerikas entfernt liegen, kann prinzipiell als der Amazonas Subregion angehörig bezeichnet werden. Hier finden sich fast ausschließlich südamerikanische Gattungen die in den Antillen fehlen, darunter Creoxylus und Ocnophiloidea.
Folgende Gattungen sind auf die Großen Antillen beschränkt: Agamemmnon, Aploploides, Haplopus, Caribbiopheromera, Hesperophasma, Malacomorpha, Paracranidium und Taraxippus. Aploploides, Parhaplopus und Venupherodes sind auf Kuba endemisch, Paracranidium findet sich ausschließlich in den östlichen Bergregionen Jamaikas, und die Gattungen Cephaloplopus und Taraxippus sind endemisch auf Hispaniola. Des Weiteren finden sich in den Großen Antillen Vertreter der Gattungen Anisomorpha, Bacteria, Clonistria und Paraphanocles. Agamemnon scheint auf Puerto Rico, St. Thomas und die Virgin Islands beschränkt zu sein. Über nahezu die gesamten Antillen, mit Ausnahme von Kuba, den Bahamas und den ganz südlichen Kleinen Antilleninseln, sind Diapherodes, Lamponius und Paraphanocles verbreitet. Gänzlich auf die Kleinen Antillen beschränkt sind Paraclonistria, Paraprisopus und Pterinoxylus, wovon die letzten zwei Gattungen der südamerikanischen Fauna angehören. Auf den Bahamas sind nur die Gattungen Clonistria, Haplopus und Malacomorpha zu finden, wovon Haplopus scabricollis auch auf den Floridas Keys und an der Südküste Floridas vorkommt.