Peru, Forschungsstation Panguana
(September-Oktober 2004)
von
Frank Hennemann & Oskar Conle
Allgemeines
Mitte Oktober 2004 brachen wir zusammen mit vier Kollegen der Zoologischen Staatssammlung München (ZSMC) zu einer Expedition in das Forschungsgebiet Panguana im andennahen Amazonas-Regenwald von Peru auf.
Mit einer Fläche von 1 285 216 qkm ist Peru nach Brasilien und Argentinien das drittgrößte Land Südamerikas und lässt sich geographisch in drei Regionen gliedern: die 2300 km lange Küste (Costa), das zentrale Bergland (Sierra) und das Amazonas-Tiefland (Oriente). Entlang der Costa, die etwa 11% der Landesfläche einnimmt, erstreckt sich ein 10-18 km breiter Wüstenstreifen, der von fruchtbaren Flussoasen unterbrochen wird. Die Sierra spaltet sich in mehrere in Nord-Süd-Richtung verlaufende Gebirgsketten auf, die Höhen von bis zu 6500 m erreichen. In den tieferliegenden Andentälern wird intensiv Ackerbau betrieben, die höheren Lagen besonders im Süden sind sehr karg. Der Oriente (auch La Selva) nimmt rund 60% der Landesfläche ein und ist sehr dünn besiedelt. Bisher sind nur etwa 5% des primären Amazonas-Regenwaldes abgeholzt. 3,2% der Landesfläche stehen in Form von Naturreservaten unter staatlichem Schutz.
Lima
Mit Iberia flogen wir von München aus über Madrid vorerst in Perus Hauptstadt Lima (ca. 7 Millionen Einwohner). Unsere Erwartungen von dieser vielseitigen Metropole und spanischen Kolonialstadt, die direkt an der Pazifikküste liegt, waren hoch, unser erster Eindruck jedoch enttäuschend: chaotischer Verkehr, zerfallene Gebäude, Armenviertel, das mit Müll angefüllte Flussbett des Rio Rimac und über allem ein bleischwer drückender, grauer Himmel. Unser Hotel hatten wir im „neuen Zentrum“ von Lima, in Miraflores gebucht. Hier gibt es zahlreiche Hotels, Restaurants, Geschäfte und Gartenanlagen westlicher Prägung, wo sich auch ein Europäer wohl fühlt. Die koloniale Altstadt Limas mit seinen schönen Kolonialpalästen, Kathedralen und dem Regierungspalast wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
In Lima hatten wir uns zwecks der Besorgung der Sammel- und Exportgenehmigungen, der Anerkennung unseres Projektes durch die INRENA (Instituto Nacional de Recuras Naturales), der peruanischen Naturschutzbehörde, und Absprachen mit dem Naturhistorischen Museum bei der Ein- und Abreise jeweils drei Tage Zeit genommen. Die Freizeit nutzten wir zur Stadtbesichtigung und den Besuch verschiedener Kathedralen und Museen, wie bspw. dem Museo Nacional de Arqueologia y Antropologia, welches einen guten Überblick über die Vielzahl altperuanischer Kulturen und die spanischen Kolonialzeit bietet.
Pucallpa (Provinz Ucayali)
Ab Lima flogen wir am vierten Tag mit der peruanischen Aero Continente über die Anden in die Urwaldmetropole Pucallpa am Rio Ucayali, dem mit fast 3000 km längsten Amazonaszufluss. Rund um die 300.000 Einwohner zählende Stadt werden die Ressourcen des Regenwaldes rücksichtslos ausgebeutet. Flüsse werden systematisch nach Gold abgesucht, wodurch bedenkliche Mengen Quecksilber in den Naturkreislauf geraten, Baumriesen werden in den ansässigen Sägewerken zu Papier zermalmt oder Bauholz verarbeitet und dem Boden wird Erdöl abgerungen. Alles in allem eine rasch wachsende, chaotische und unansehnliche Stadt mit Ölraffinerien, Industriebetrieben und unzähligen, kleinen Geschäften. Zusätzlich gibt es dort die San Juan-Brauerei, die erstaunlich gutes Bier braut. Etwa 12 km westlich von Pucallpa in Richtung Tingo María hatten wir unsere Unterkunft im Ferienresort Divina Montaña gebucht. Diese nette und günstige Bungalowanlage bietet neben recht einfachen Holzbungalows auch ein Restaurant, einen Swimmingpool und verschiedene Bars, die meist nur am Wochenende von den etwas betuchteren Peruanern genutzt werden. In der Woche geht es dort eher gemütlich zu. Direkt hinter dem Resort erstreckt sich Sekundärwald, der uns schon bei der Ankunft für das Sammeln von Phasmiden als geeignet erschien. Sofort fielen uns an den Wänden unseres Bunglows mehrere, große Ensifera auf. Nach einem ausgiebigen Abendessen begannen wir auch am gleichen Abend noch mit der Suche. Diese wurde jedoch durch unzählige Mosquitos, die sich in dem wenig sauberen Teich des Resorts gut entwickeln können, deutlich erschwert. Beim Ableuchten unserer durch Flutstrahler beleuchteten Hütte konnten wir verschiedene Mantiden (u.a. auch einen Kokon der Riesenmantide Macromantis hyalina (de Geer, 1773)), weitere Ensifera und viele Lepidoptera finden.
Bereits nach kurzer Suche entdeckten wir in der direkten Umgebung unseres Bungalow die ersten Phasmiden. Dabei handelte es sich um mehrere Pseudophasma velutinum (Redtenbacher, 1906), vereinzelte Prexaspes viridipes Redtenbacher, 1906 und einige Exemplare von Lobolibethra panguana Hennemann & Conle, 2007.Am nächsten Tag trafen wir uns in Pucallpa mit Moro, dem Verwalter der Forschungsstation Panguana, unserem eigentlichen Reiseziel. Nach einem kühlen Bier, Absprachen und dem Bestellen der Fahrzeuge für den Weg nach Süden begannen wir dann mit den Besorgungen für unseren 12-tägigen Aufenthalt in der Forschungsstation. Dazu zählten ausreichend Essensvorräte (Reis, Maniok, Kekse etc.), Getränke (Wasser, Cola, Kaffee und natürlich Bier) und noch fehlende Expeditionsausrüstung wie z.B. ausreichend Sammel- und Gefrierdosen zur Aufbewahrung der Insekten. Am Abend suchten wir noch einmal die unmittelbare Umgebung von Divina Montaña ab und konnten neben vielen, großen Ensifera wieder mehrere Exemplare der drei genannten Phasmidenarten finden. An den verschiedenen Straßen- und Wegleuchten im Resort flog eine Vielzahl kleiner Nashornkäfer (Dynastinae) an, die sich einfach am Boden aufsammeln ließen.
Am nächsten Morgen kamen unsere Fahrer mit den zwei Pickups pünktlich um 6.20 Uhr am Resort an, um unser Gepäck zu verladen. Die Vorräte, die Moro am Vortag für uns besorgt hatte, waren bereits aufgeladen. Sehr gewissenhaft wurden unsere Taschen und Koffer fest auf den Transportflächen verschnürt, und so konnten wir um 7.00 Uhr dann eng gedrängt (Fahrer und vier Leute pro Fahrzeug) zu unserer 170 km langen, abenteuerlichen Reise gen Süden aufbrechen.
Forschungsstation Panguana (Provinz Huanuco)Die Forschungsstation Panguana wurde im Jahr 1968 von dem deutschen Zoologenehepaar Maria Koepcke und Hans-Wilhelm Koepcke gegründet, wo sie über mehrere Jahre Untersuchungen über die Tierwelt des Amazonas-Regenwaldes durchführten. Das etwa 2 qkm große Gebiet liegt im andennahen peruanischen Regenwald (Provinz Huanuco) am Südufer des unteren Rio Llullapichis (= Yuyapichis) einem östlichen Nebenfluss des Rio Pachitea, etwa 170 km südlich von Pucallpa. Zu Beginn der Forschungen dienten zwei von Einheimischen verlassene Holzhütten als Unterkunft. Im Laufe der Jahre wurde das Gebiet vermessen und von einem etwa 15 km langen Wegenetz durchzogen. Erst kürzlich sind die Wege neu vermessen und mit Buchstabenbezeichnungen versehen worden. Als Resultat ihrer Forschungen sind zahlreiche Publikationen in die Wissenschaft eingegangen, z. B. das bekannte Werk „Birds of Peru“ v
on Maria Koepcke. Diese fand Anfang der 70er Jahre bei einem tragischen Flugzeugabsturz im peruanischen Oriente ihr Leben, was den gemeinsamen Forschungen ein Ende setzte. Hans-Wilhelm Koepcke kehrte nach Deutschland zurück, wo er als Leiter der Herpetologischen Abteilung des Zoologischen Institutes und Museums der Universität Hamburg (ZMHU) das Forschungsgebiet zahlreichen europäischen Wissenschaftlern zur Verfügung stellte. Nach seinem Tod erbte es dessen Tochter Dr. Juliane Diller (derzeit Leiterin der naturwissenschaftlichen Bibliothek der Zoologischen Staatssammlung München, ZSMC), die die Station seither im Sinne ihres Vaters weiterführt und unterhält. Seit Anfang der 80er Jahre wird sie von dem Einheimischen Moro Módena und seiner Familie verwaltet. Wegen „Dem leuchtenden Pfad“, einer terroristischen Vereinigung, die sich auch unweit von Panguana angesiedelt hatte, mussten die Forschungsarbeiten Ende der 80er Jahre stillgelegt werden. Seit den frühen 90er Jahren kann Panguana jedoch wieder von Wissenschaftlern bereist werden und wird von Juliane Diller nach Anfrage für Feldstudien zur Verfügung gestellt. Moro hat seitdem auch zwei neue Holzhäuser errichtet, wovon eines als Unterkunft für Besucher dient, sodass nunmehr Platz für acht Personen vorhanden ist.
Noch immer zählt ein Forschungsaufenthalt in Panguana für interessierte Biologen zu einem unvergesslichen Erlebnis, beherbergt es doch eine Mannigfaltigkeit unterschiedlicher Biotope. Nahezu ideale Grundlagen für Biologen verschiedener Fachrichtungen bieten der reiche Primärwald sowie Sekundär- und Auwälder, Palmensümpfe, Plantagen, Viehweiden, verschiedene Uferbiotope und fließende wie stehende Gewässer. Die noch immer recht einfachen Wohn- und Arbeitsbedingungen verlangen vom Besucher ein gewisses Maß an Entbehrungsbereitschaft und Improvisation. So sind noch immer keine Toiletten oder fließendes Wasser vorhanden. Zum Baden und Waschen von Wäsche dient der nahe Rio Llullapichis (= Yuyapichis).
Von Pucallpa aus erreicht man über eine etwa 8-stündige, sehr abenteuerliche Fahrt über wilde Schlamm- und Schotterpisten zunächst den kleinen Ort Yuyapichis am westlichen Ufer des Rio Pachitea. Dort ziemlich gerädert angekommen, wurde unser Gepäck wie auch die Verpflegung auf kleine Einbaumboote verladen, mit denen wir über den Rio Pachitea übersetzten. Etwa 2 km südlich legten wir an der Casa Modena, einer Viehzuchtfarm, wieder an. Dort trugen wir das Gepäck zunächst einen steilen Hang hinauf, wo schon Alex mit seinem Traktor auf uns wartete. Er transportierte liebenswürdiger weise unsere Taschen und Koffer zur etwa 3 km entfernten Station. Alex ist Österreicher und in den 80er Jahren nach einem Forschungsaufenthalt im nahen Sira-Gebirge in der Nähe von Panguana geblieben, wo er eine einheimische Frau heiratete. Nun betreibt er Viehzucht und etwas Landwirtschaft und hat inzwischen drei Kinder. Von der Casa Modena aus ist es ein etwa 1-stündiger Fußmarsch nach Panguana, wobei man den Rio Yuyapichis durchwatet und weite Viehweiden durchquert.
Als wir dann am späten Nachmittag durchgeschwitzt und erschöpft an der Station ankamen wurden wir von Ibrahim, dem Sohn von Moro, und seiner Familie herzlich begrüßt. Sofort bezogen wir unsere Zimmer, packten die wichtigsten Utensilien aus und bekamen erst einmal ein gutes und deftiges Abendessen, welches Ibrahims Frau für uns gekocht hatte. Ein erfrischendes, nächtliches Bad im Rio Llullapichis konnten wir dann kaum noch abwarten. Nach einigen Flaschen Bier fielen wir dann alle erschöpft in unsere mit Mosquito-Netzen überspannten Betten.
Allgemeines zur Tierwelt von Panguana
Die nahezu unberührte Natur der Forschungsstation beherbergt eine Vielzahl wilder Tiere, darunter den Jaguar (Panthera onca, Fam. Felidae), der mit einer Körperlänge von bis zu 1,80 m und einem Gewicht von 150 kg das größte Raubtier Südamerikas darstellt, oder den etwas kleineren Ozelot (Felis pardalis, Fam. Felidae). An den Ufern des Rio Yuyapichis sieht man nicht selten Brillenkaimane (Caiman crocodilus, Fam. Crocodylidae), die eine Länge von bis zu 2,50 m erreichen, beruhigender weise aber keine Menschen angreifen. Trotzdem machen sie das Baden im Fluss zu einem wahren Abenteuer, wozu auch die vielen, kleinen Fische zählen, die sofort beginnen an einem herumzuknabbern sobald man das Wasser betritt. Der berüchtigte, Rote Piranha (Serrasalmus nattereri, Fam. Characidae) kommt im Rio Yuyapichis nicht vor, dafür aber andere Piranha-Arten. Die ihnen angelasteten Horrorgeschichten erweisen sich bei genauerer, wissenschaftlicher Betrachtung als maßlos übertrieben. Nur vier der 18 bekannten Arten können Menschen gefährlich werden, und nur dann, wenn diese sich zuvor verletzt haben. Das für den Menschen mit Abstand gefährlichste Tier in den Flüssen des Amazonasgebietes ist ohne Zweifel der Süßwasserrochen, der „Pez Raya“ (Potamotrygon motoro, Fam. Potamotrygonidae). Dieser wird mit Schwanz etwa 30 cm lang und ist besonders in sandigem oder schlammigem Grund zu finden, wo er sich vergräbt und daher nahezu unsichtbar ist. Tritt man auf ihn so schnellt sein mit einem Stachel besetzter Schwanz empor, der problemlos Gummistiefel und auch Knochen durchschlagen kann. Aufgrund eines gewebeauflösenden Giftes verheilen die von ihm verursachten Wunden sehr schlecht, infizieren sich und quälen oft jahrelang. Zwar war der Grund des Rio Yuyapichis an der Station sehr steinig, trotzdem lag immer ein langer Stock am Ufer bereit, mit dessen Hilfe wir den Grund vor uns vorsichtig absuchten. Auffällige und häufige Vögel sind neben verschiedenen Ara-Papageien der Rotbrustfischer (Megaceryle torquata, Fam. Alcedinidae) und der Amazonasfischer (Chloroceryle amazona, Fam. Alcedinidae). Letztere waren häufig an den Ufern des Rio Yuyapichis zu beobachten. Im Wald von Panguana gibt es neben anderen Arten auch zwei besonders giftige Schlangen, vor denen man sich stets in Acht nehmen sollte. Das sind zum einen die bis 2 m lange Lanzenotter (Bothrops atrox, Fam. Viperidae), die im Laub am Waldboden sehr gut getarnt und extrem angriffslustig ist, sowie der Buschmeister (Lachesis muta, Fam. Viperidae). Dieser ist mit einer Länge von 3,5-4 m die größte Giftschlange Südamerikas und wegen der großen injizierten Giftmenge bei einem Biss sehr gefährlich. Bei unserer nächtlichen Phasmidensuche sahen wir in niedriger Vegetation sehr häufig Bananenspinnen (Phoneutria ferox, Fam Ctenidae), die mit einer Beinspanne von 8-10 cm zu den gefährlichsten Spinnen Südamerikas gehören und bis zu 1 m weit springen können. Ihr Gift löst stundenlange, kaum auszuhaltende Schmerzen und Krämpfe sowie Koordinationsstörungen aus. In seltenen Fällen kann ein Biss durch Kreislaufversagen und Atemlähmung auch tödlich sein. Häufig sieht man auch den auffälligen Dreistreifigen Baumsteiger (Epipedobates trivittatus, Fam. Dendrobatidae), einen recht großen, schwarz-gelben Pfeilgiftfrosch.
Erbeutete Insekten
Am zweiten Tag begannen wir mit einem Rundgang durch Panguana, unter der Führung von Moro. Schon bei dieser Wanderung fiel uns der immense Insektenreichtum dieses Gebietes auf. Alleine an den Wegrändern konnten wir zur Freude unserer Kollegen unzählige Schmetterlinge (Lepidoptera), Käfer (Coleoptera), Heuschrecken (Saltatoria) und Wanzen (Heteroptera) finden. An Baumstämmen fanden wir häufig eine kleine Baummantide der Gattung Liturgusa Saussure, 1869 (Fam. Liturgusinae). Am Nachmittag wurden die ersten Fallen (Malaise- und Lichtfallen) aufgestellt und wir überlegten uns eine geeignete Stelle für den Nachtfang von Phasmiden. Besonders die Malaise-Fallen sollten sich im Verlauf unseres Aufenthaltes für diverse Insektenordnungen als äußerst erfolgreich herausstellen. Aber auch beim Lichtfang direkt an der Station flogen am ersten Abend unzählige Nachtfalter, Microplepidoptera, Hautflügler (Hymenoptera), Wanzen, Zikaden und Gottesanbeterinnen (Mantodea) an. Mit Pheromonfallen konnte unser Hymenopterologe Prof. K. Schönitzer (ZSMC) eine erstaunliche Anzahl der wunderschönen, metallisch grün oder blau schimmernden Prachtbienen (Euglossa spp., Fam. Apiidae) erbeuten. Während unserer nächtlichen Suche im Forschungsgebiet konnten wir sehr häufig Pseudophasma velutinum (Redtenbacher, 1906) und Lobolibethra panguana Hennemann & Conle, 2007 finden. Beide Arten kamen in sehr großen Stückzahlen vor und waren eindeutig die häufigsten Phasmiden in Panguana. Auch die bis dato unbeschriebene Art Ocnophiloidea dillerorum Hennemann & Conle, 2007 war recht zahlreich in niedriger Vegetation zu finden. Ebenfalls recht häufig waren Dyme bifrons Stal, 1875 und Dyme mamillata Brunner v. Wattenwyl, 1907. Seltener zu finden aber nicht selten waren die prächtige Metriophasma stollii (Gray, 1835) und Creoxylus corniger Audinet-Serville, 1838 die wir beide fast ausschließlich auf Aronstabgewächsen (Fam. Araceae) ausmachten. Während die Creoxylus corniger meist in der niederen Vegetation zu finden waren, kamen Metriophasma stollii auch in Höhen bis zu 5 m vor. Ganz vereinzelt fanden wir auch vorwiegend Larven, aber auch adulte Tiere von Phanocles virgulatus (Redternbacher, 1908), deren Weibchen Körperlängen von etwa 18 cm erreichten. Einzelfänge waren hingegen ein Weibchen von Isagoras brevipes Redtenbacher, 1906, zwei subadulte Larven von Pseudophasma bolivari (Giglio-Tos, 1910) und ein adultes Paar einer schlanken, braunen Agrostia-Art, die wir jeweils in einer Höhe von 3 m fanden. Von Agrostia fanden wir neben den zwei erwähnten Tieren auch unzählige Larven. An die Stirnlampe unserer Kollegin Tanja Kothe (ZSMC) flog eines Nachts ein wunderschön buntes Weibchen von Parastratocles forcipatus (Bolivar, 1896) an, welches ebenfalls ein Einzelfang bleiben sollte. Diese Art gehört zweifellos zu den Baumkronenbewohnern und hatte sich wohl durch das Licht der nahen Lichtfanganlage angelockt in tiefere Gefilde verirrt. Der Fang von Neophasma scabriuscula Redtenbacher, 1906, von der im Vorfeld der Reise schon Photos aus der Station gesehen hatten, blieb uns leider verwehrt.
Neben den Phasmiden fanden wir auch immer wieder zwei verschiedene Arten Proscopiiden. Dabei handelte es sich um Apioscelis bulbosa (Scudder, 1868) und die riesige Pseudoproscopia scabra (Klug, 1820). Die Weibchen von Psudoproscopia scabra hatten Körperlängen von etwa 16 cm. Auch verschiedenste Langfühlerschrecken (Ensifera) waren sehr häufig zu finden, jedoch seltener als in Pucallpa. Highlights waren hier verschiedene Pseudophyllinae, davon drei Arten der Gattung Mimetica Pictet 1888 sowie eine riesige, bisher unbestimmte Art mit sehr bunten Flügeln. Auch zwei Stabmantiden, namentlich Angela guianensis Rehn, 1906 und Angela armata (de Haan, 1842), sowie ein Weibchen der schönen, braunen Blattmantis Acanthops erosula Stal, 1877 konnten wir finden. Tanja erbeutete noch weitere Gottesanbeterinnen, darunter eine weitere, kleine Acanthops-Art. Die häufigste Gottesanbeterin war eine grüne Stagmatoptera sp. (Unterfam. Vatinae) mit gelb gefleckten Flügeln, von der auch viele Männchen an die Lichtfanganlage anflogen. Besonders interessante Fänge an der Lichtfanganlage waren neben verschieden, großen Nachtfaltern ein mit gut 12 cm Spannweite riesiger Tabakschwärmer (Manduca sexta, Fam. Sphingidae) und ein Männchen des in ganz Südamerika häufigen Nashornkäfers Enema pan (Unterfam. Dynastinae).
Am Tage waren immer wieder unzählige, hübsche Kurzfühlerschrecken (Caelifera) zu sehen, darunter die bunte Herlekinschrecke Stenopola boliviana Rehn, 1913 und die etwas größere, blau-gelbe Chromacris icterus (Pictet & Saussure, 1887). Beim morgendlichen Überprüfen des Leuchtturmes am Fluß konnte K. Schönitzer ein Männchen des in Südamerika größten Rosenkäfers Inca clathratus finden. Beim Absuchen von Totholz nach Bockkäfern (Cerambycidae) und Rindenwanzen konnte Tanja auch ein Exemplar des Riesenprachtkäfers Euchroma gigantea (Fam. Buprestidae) erbeuten. Direkt an der Station waren neben unzähligen Tagfaltern auch häufig die bunt schillernden Urania-Falter Urania leilus (Fam. Uraniidae) zu sehen. Seltener waren auch große Papilio-Arten (Fam. Papilionidae) und der schnell fliegende Morpho-Falter Morpho menelaus (Fam. Morphidae) zu beobachten.
An einem Abend entschlossen wir uns die „Carretera“, einen von Goldsuchern geschlagenen Weg im Süden der Forschungsstation nach Phasmiden abzusuchen. Dieser erschien uns sehr vielversprechend, doch fiel die Ausbeute recht dürftig aus. Dort fanden wir mehrere Exemplare einer bisher unbestimmten Pseudophasma-Art mit leuchtend roten Beinansätzen sowie einige Creoxylus corniger Audinet-Serville, 1838. Am beeindruckendsten war der Fund eines Weibchens der Riesenmantide Macromantis hyalina (de Geer, 1773), das eine Körperlänge von gut und gerne 13 cm hatte. Auf dem Rückweg durch den Primärwald fanden Oskar und ich ein riesiges Exemplar einer braunen Geißelspinne (Heterophrynus sp., Fam. Phrynidae) mit einer Beinspanne von fast 60 cm ! Neben dieser kommt in Panguana auch noch eine zweite, etwas kleinere, schwarze Art mit rötlichen Beinen vor. Am Tage waren entlang der „Carretera“ häufig Morpho-Falter zu beobachten.
Danksagung
Wir möchten an dieser Stelle unseren Kollegen und Freunden Herrn Prof. Klaus Schönitzer (ZSMC), Frau Tanja Kothe (ZSMC), Herrn Dr. Andreas Segerer (ZSMC), Frau Magdalena Breitsameter (ZSMC) für die schöne, aufregende und zugleich lustige Zeit in Peru danken. Herrn Dr. Gerardo Lamas vom Museo de Historia Natural, Universidad Nacional Mayor de San Marcos, Lima (MUSM) und Frau Rosario Acero (INRENA, Lima) sei für den Zugang zur Sammlung und die Hilfe beim Erhalt der Sammel- und Exportgenehmigung herzlich gedankt. Der Familie Modena (Panguana, Peru) danken wir ganz herzlich für die Gastfreundschaft und gute während unseres Aufenthaltes in der Station. Letztlich geht ganz besonderer Dank an Frau Dr. Juliane Diller (ZSMC) für die Möglichkeit, die Forschungsstation Panguana besuchen zu dürfen und die immense Organisationsarbeit im Vorfeld der Expedition.
Einige der auf dieser Expedition erbeuteten Phasmiden wurden in folgender Publikation bearbeitet:
HENNEMANN, F.H. & CONLE, O.V. (2007): Studies on neotropical Phasmatodea VII. Description of a new genus and four new species of Diapheromerinae from Peru and Bolivia. Mitteilungen der Münchner Entomologischen Gesellschaft, 97 Supplement, S. 1-113.